2000 Kilometer durch Deutschland 2005 – durch meine Brille gesehen

Schon seit einigen Jahren spukte mir eine Teilnahme an der Oldtimer-Zuverlässigkeitsfahrt „2000 km durch Deutschland“ im Kopf herum. Es muss doch ein tolles Erlebnis sein, in einem alten Auto binnen einer Woche ganz Deutschland zu umrunden.

Spätestens als in den Jahren 2001 und 2002 der „Circus Krön“ in Wunsiedel Station machte, und ich das „rollende Museum“ als Moderator auf dem Marktplatz hautnah miterleben durfte, stand für mich endgültig fest: einmal werde ich auch dabei sein!

Da kam mir der Vorschlag von meinem Kumpel Bernd, der schon seit Jahren in meiner Werkstatt an seinem Opel GT schraubte und schrauben ließ, gerade recht. Er wollte die 2000 km im Jahr seines 50. Geburtstages absolvieren, quasi als selbst gemachtes Geburtstagsgeschenk. Nach kurzer Bedenkzeit sagte ich zu. Drei Gründe waren ausschlaggebend: 1. Wenn man eine ganze Woche und 2000 Kilometer lang auf engstem Raum zusammenhockt, muss man sich einfach gut verstehen, um nicht irgendwann den „Rallye-Koller“ zu kriegen. 2. Als alter Motorsportler – Bernd treibt schon seit den 1970er Jahren in allen möglichen Sparten Motorsport – legt er genug Professionalität an den Tag, um so eine Langstreckenfahrt zu absolvieren. 3. Er suchte einen Beifahrer, der auch mit dem Schraubenschlüssel umgehen kann, denn er ist zwar ein ganz passabler Auto-Theoretiker, aber als „Schreibtischtäter“ eben nicht der begnadete Schrauber. Und man weiß ja bei einem Old- bzw. Youngtimer nie, was er als nächstes für Zicken auf Lager hat.

Als die Nennung ausgefüllt und fertig zum Versand vor uns lag, kriegte Bernd etwas Angst vor der eigenen Courage. Der alte Pessimist rechnete sich schon vor, was unterwegs alles an seinem Auto kaputt gehen könnte. Aber nach einigen aufmunternden Worten von mir steckte er dann doch das Anmeldeformular in den Umschlag und ab ging’s zur Post!

Im Juli endlich war es dann so weit: Noch einige Vorbereitungen in meiner Werkstatt, den GT auf den Anhänger verladen, und dann ging es los in Richtung Mönchengladbach. Bevor die Fahrt gestartet wurde, hatten wir schon etwa 500 km Anreise quer durch die Republik hinter uns.

Schon beim Abladen des GT vom Hänger erwartete uns das Team der „2000 km“. Alles war bestens organisiert: Parkplatz, Oldie-Fete, Teilnehmer-Vorstellung, Prolog. Wir waren sofort im Rallye-Fieber.

Nach der ersten Nacht im Crown-Hotel machten wir uns gut ausgeschlafen am Sonntag, 17. Juli, auf die erste Etappe von Mönchengladbach nach Mannheim. Die Fahrt am Rhein-Ufer entlang bei herrlichstem Oldie-Wetter war ein Genuss, der nur durch einen hässlichen Stau vor einer Baustellen-Ampel unterbrochen wurde. Allerdings hatte ich schon mit dem ersten Problem zu kämpfen: Von oben brannte die Sonne und von unten heizte mir der Auspuff unseres Autos ein. Der verläuft nämlich auf der Beifahrerseite ziemlich genau unter dem Sitz entlang. Zeitweise war es so heiß, dass meine Bordkarte an der Dichtungsmasse fest klebte.

Nach einem kurzen Besuch im Opel-Werk Rüsselsheim ging es weiter zur Teststrecke in Dudenhofen. Zwar hatte ich insgeheim mit einer Runde auf dem Hochgeschwindigkeitskurs gerechnet. Aber die Sollzeit-Etappe über die verwinkelten Straßen des Opel-Areals war auch nicht ohne. Vor allem die 20 % Steigung und die „blinden“ Kuppen werden mir lange in Erinnerung bleiben.

Nach einer Nacht im Steigenberger-Hotel wurde am Montag am Mannheimer Wasserturm gestartet. Zwei Runden Gleichmäßigkeit auf dem Grand-Prix-Kurs von Hockenheim sowie ein kurzer Besuch beim Auto-und-Technik-Museum in Sinsheim standen auf dem Montags-Kalender. Kurz vor Ulm, dem Etappenziel erfrischte uns ein kurzer aber heftiger Regenschauer, der den Staub von unserem Auto abwusch. Auch den zweiten Tag hatte unser GT ohne Probleme überstanden, ich las mich immer besser in das Bordbuch ein, das den Umfang eines Telefonbuches hatte und so sahen wir voller Optimismus dem nächsten Tag entgegen. Der Abend im Maritim-Hotel bot uns noch einen besonderen Leckerbissen: der Auftritt der Giggelesbronzer, einer schwäbisch-allemannischen Percussion-Gruppe, riss einfach jeden mit.

Der Dienstag begann für uns mit einem Paukenschlag: Bei der Sollzeitprüfung vor dem Ulmer Maritim-Hotel trafen wir die Sollzeit auf eine Hundertstel-Sekunde. Unser Jubelschrei bei der Lichtschranke muss bis nach Neu-Ulm zu hören gewesen sein!

Leider griffen wir bei der zweiten Sollzeit-Prüfung des Tages in Crailsheim ziemlich daneben, was uns die gute Zeit vom Vormittag wieder verhagelte. Aber als wir abends in Bad Kissingen das Zwischenergebnis bekamen, war unser Ehrgeiz geweckt: so relativ weit vorne hatten wir uns eigentlich gar nicht gesehen. Ursprünglich wollte Bernd nur mit dem GT wohlbehalten wieder in Mönchengladbach ankommen und keinerlei sportliche Ambitionen entwickeln, doch als wir das Tableau mit dem Zwischenergebnis sahen, waren wir uns einig: „Jetzt greifen wir an!“ Dass die Bremse des GT anfing zu kränkeln, behinderte unseren sportlichen Ehrgeiz nur wenig, denn wer bremst, verliert. Also mit viel Gefühl und Voraussicht weiter!

Am Mittwoch ging es über die ehemalige deutsch-deutsche Grenze nach Thüringen. Quer durch den Thüringer Wald mit seinen kurvigen Straßen ging es Richtung Leipzig. Die Baustellen im Stadtgebiet waren zwar ein einziges Drama, aber wir haben den Augustusplatz doch noch gefunden. Die Nachtetappe hatte Bernd von Anfang an nicht auf dem Programm. Er legte sich zeitig schlafen, um für den nächsten Tag fit zu sein. Ich aber gönnte mir den Spaß und absolvierte mit Erhard Lücking vom AvD, mit dem wir inzwischen gute Freundschaft geschlossen hatten, im Koordinations-Auto die Nacht-Etappe.

Am Donnerstag blieben bei unseren Cabrio-Kollegen die Dächer zu: Es regnete fast den ganzen Tag und selbst Günter Krön’s legendäres Hütchen musste abends zum Trocknen auf die Heizung. Das hinderte uns allerdings nicht daran, im Motopark Oschersleben eine (nach unserer Messung) Superzeit zu fahren. Leider musste diese Gleichmäßigkeitsprüfung später neutralisiert werden, weil aus zeitlichen Gründen nicht mehr alle Teilnehmer starten konnten. Eine sportlich einwandfreie Entscheidung des Fahrtleiters – aber uns tat es leid um das gute Ergebnis. C’est la vie! Dass wir am Donnerstag das sechstbeste Tagesergebnis des gesamten Teilnehmerfeldes eingefahren hatten und in der Gesamtwertung entsprechend nach vorne rutschten, versöhnte uns dann schon wieder. Allerdings hatte uns der Tag auch einen kapitalen Verbremser auf nassem Kopfsteinpflaster eingebracht. Bernd hat zwar toll reagiert und den GT in den Notausgang gebremst. Aber für mich war in diesem Moment klar: Die Bremse braucht dringend meine Zuwendung. Dank Erhard Lücking’s Hilfe konnte ich in Hannover einen passenden Bremsschlauch besorgen. Freitagmorgens im Nieselregen warf ich mich mal eben unter das Auto und nach einer halben Stunde Reparatur bremste der GT wieder wie in alten Zeiten.

Die 200 km von Hannover nach Bremen wurden unterbrochen durch einen Besuch im Heidepark in Soltau. So entspannend kann Motorsport sein, vorausgesetzt man verkneift sich die Achterbahn!

Bernd war total happy, mit dem GT einmal „das Land seiner Vorväter“ zu bereisen. Die Gegend um Bremen kennt er wie seine Westentasche. Sein Vater stammte von dort und deshalb führten ihn vor Jahren viele Urlaubsreisen dorthin. Ich spürte förmlich, wie er das Gefühl genoss, mit dem eigenen Oldtimer vor dem „Roland“ auf dem Rathausplatz zu stehen!

Abends gab es in den Messehallen an der Bürgerweide ein trockenes Plätzchen für die Teilnehmer-Autos und Ramba-Zamba mit Livemusik, Teilemarkt und Zeit zum Sehen und Gesehenwerden.

Die längste und anstrengendste Etappe der gesamten Fahrt führte uns am Samstag von Bremen durch das Münsterland. Als man uns in Tecklenburg unnötig lange an der Kontrollstelle aufhielt, platzte meinem Fahrer fast der Kragen. Entsprechend rasant war sein Start. Ich fürchtete schon, von den alten Häusern bröckelt der Stuck, als Bernd dem GT die Sporen gab.

Durch das Ruhrgebiet ging es schließlich zurück zum Ziel in Mönchengladbach. Glücklicherweise hatte Günter Krön einige Autobahn-Etappen vorgesehen, so dass wir nicht die Ampeln sämtlicher Ruhrpott-Städte absolvieren mussten. Überrascht waren wir allerdings, wie viel Grün es in dieser Region gibt, und dass man auch dort über herrliche Nebenstraßen kurven kann. Und dass spontan Applaus aufbrandet, wenn man in der Gegend von Bochum mit einem alten Opel vorfährt, das fanden wir schon toll.

Die Ziel-Ankunft im Schlosspark Wickrath war etwas ganz Besonderes. Wie an allen Kontrollstellen entlang der Strecke gab es natürlich auch hier Massen von Menschen. Auf der Zielrampe fiel dann die ganze Anspannung der vorangegangenen Woche plötzlich von uns ab. Das äußerte sich darin, dass Bernd vor versammeltem Publikum aus dem Auto stieg und seinem alten GT ein Bussi auf das Opel-Emblem verpasste. Das veranlasste den Moderator zu der Bemerkung, dass dieses Auto wohl besonders geliebt werde.

Bei der Siegerehrung am Sonntag konnte ich gleich noch meine Eindrücke von den 2000 km in Gedichtform vortragen. Denn unterwegs hatte ich meine poetische Ader entdeckt und einige Verse über den Verlauf der Fahrt aufgeschrieben.

Zum Schluss der Geschichte möchte ich mich ganz herzlich bedanken: bei meinem Freund und Fahrer Bernd, der mich unfallfrei durch ganz Deutschland kutschierte. Auch bei seinem alten „Schlachtross“, das uns fast problemlos mehr als 2000 Kilometer durch Deutschland transportierte (Opel der Zuverlässige!). Bei den Jungs von Opel-Classic, die uns das Gefühl gaben, zum Werks-Team zu gehören. Nicht zuletzt aber bei Günter Krön und seinem gesamten Team, die diese herrliche Veranstaltung auf die Beine gestellt haben.

Ich kann jedem Oldtimerfreund nur empfehlen, wenigstens einmal an dieser Fahrt teilzunehmen.

Etwas muss man aber beachten: Einer der Teilnehmer sagte mir unterwegs augenzwinkernd: die „2000“, das ist wie Haschisch: wenn du das einmal erlebt hast, kommst du nicht mehr davon los.

Ich fürchte, die Droge wirkt bereits…

Für alle, die an Zahlen, Daten und Fakten interessiert sind: Die „2000 km durch Deutschland“ waren diesmal 2200 Kilometer lang, fanden vom 17. bis 23. Juli statt und das Starterfeld umfasste 189 Fahrzeuge. Wir haben an diesen sieben Tagen insgesamt 214 Liter Super Plus verheizt, was einem Durchschnittsverbrauch von knapp 10 Liter/100 km entspricht.

Bei der Siegerehrung am Sonntag erfuhren wir, dass wir uns noch bis auf einen vierten Platz vorgearbeitet hatten.

Bilder

Wenn sie auf die Bilder klicken, werden diese vergrößert.

Zu den Downloads der Bildschirm Hintergründe